Familie Branz Gedenktafel

Lotte Branz

(1903-1987)

Gottlieb Branz

(1896-1972)

Im Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Das Ehepaar schloss sich 1933 dem sozialdemokratischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus an und verhalf Verfolgten zur Flucht ins Ausland.

Gottlieb Branz war deshalb von 1939 bis 1945 Häftling im KZ Buchenwald.
Nach seiner Befreiung wurde Gottlieb Branz in München Stadtrat der SPD und Direktor der Münchner Stadtbibliotheken.

GEDENKTAFEL

Geplante Enthüllung der Gedenktafel am 13. September 2026, in der Aignerstr. 3, Obergiesing.

dem 130. Geburtstag von Gottlieb Branz.

Auftraggeber: Bauverein Giesing und Freunde Giesings e. V.

BIOGRAFIE

Am 13. September 1896 in München geboren, besuchte Gottlieb Branz von 1907 bis 1910 das Wilhelmsgymnasium und dann ab 1910 „mit sehr großem Fleiß“ und „sehr gutem Betragen“ die Münchner Kaufmannsschule, die er am 14. Juli 1913 mit vorzüglichen Noten (11 mal sehr gut, einmal gut) abschloss. Noch während seiner Kaufmannslehre trat er 1912 mit 16 Jahren in die SPD ein. In der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) lernte er 1922 die 19-jährige Lotte Harich aus Regensburg kennen, die ihn 1925 heiratete. 1927 kam der Sohn Julian zur Welt.

Während des Ersten Weltkriegs war Gottlieb Branz von 1915 bis 1919 Soldat beim „Königlich Bayerischen Infanterie-Leib-Regiment München“. Nach der Entlassung aus dem Militärdienst besuchte der gelernte Exportkaufmann die Münchner Fachschule für das Bibliothekswesen und wurde 1920 Bibliothekar der Münchner Gewerkschaftsbibliothek an der Pestalozzistraße. Der aktive Sozialdemokrat leitetet als Vorsitzender die SPD-Sektion Obergiesing I.

Nach der Geburt ihres Sohnes Julian bezog die junge Familie Branz 1928 in Giesing eine neue Wohnung in der eben fertig gestellten Anlage der Straßenbahner Baugenossenschaft Ecke Alpenrosen-/Aignerstraße. Damit war Giesing nicht nur der Lebensmittelpunkt der Familie Branz geworden, von hier aus entfalteten Lotte und Gottlieb Branz auch ihre sozialen und politischen Aktivitäten, zunächst im Rahmen der Arbeiterbewegung und ab 1933 im Widerstand gegen das NS-Regime. Das Wirken von Lotte und Gottlieb Branz war über 16 Jahre lang eng mit ihrem Wohnviertel Giesing verknüpft.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten hatte Gottlieb am 9. März 1933 seine Beschäftigung in der Gewerkschaftsbibliothek verloren. Zwar war er bei der Besetzung des Gewerkschaftshauses durch die SA am 8./9. März noch der Festnahme entgangen, aber nachdem die SPD am 22. Juni 1933 verboten worden war, wurde er am 30. Juni 1933 wegen seiner aktiven Mitgliedschaft in der SPD und in der Gewerk­schaft wie viele andere Funktionsträger der Arbeiterbewegung in sog. „Schutzhaft“ genommen und zur Einschüchterung bis zum 26.10.1933 im KZ Dachau festgehalten. In dieser Zeit wurde Lotte von ihrer jüdischen Freundin Sylvia Klar unterstützt. Sylvia und ihr Mann, der Arzt Dr. Max Klar, wurden später ermordet: Max 1938 im KZ Dachau und Sylvia 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg.

Nach seiner Entlassung aus dem KZ Dachau im Oktober 1933 war Branz weiterhin arbeitslos, die Gewerkschaften waren zerschlagen, die Bibliothek war zerstört und die SPD verboten. Die Familie Branz lebte in ärmsten Verhältnissen in ihrer Giesinger Wohnung und war weiterhin auf die Hilfe von Freunden wie der Familie Klar angewiesen. Trotz der materiellen Not suchten Lotte und Gottlieb Wege, um sich im Widerstand gegen die NS-Diktatur zu engagieren. Als Branz wieder Arbeit fand als Ausfahrer einer Zigarettenfirma, nutzte er diese, um Kontakte zu ehe­maligen SPD- und Gewerkschaftsmitgliedern, zu Genossinnen und Genossen aus dem Arbeitervereins­milieu, aber auch zur bürgerlichen und kirchlichen Opposition aufzubauen und für den aktiven Widerstand gegen die nationalsozialistische Barbarei zu gewinnen. Seine Tätigkeit als reisender Vertreter bot Gottlieb Branz Möglichkeiten, seine Untergrundaktivitäten zu tarnen.

Ab Mitte 1934 unternahm das Ehepaar Branz Kurierfahrten in die Tschechoslowakei, um den dortigen Exil-Parteivorstand der SPD mit Informationen aus Deutschland zu versorgen und Instruktionen für die systematische Organisation des Widerstandes zurückzubringen. Sie transportierten aber nicht nur wichtige Informationen. Bereits 1934 schleusten die beiden den Spieler des FC Bayern, Berthold Feuchtwanger, Sozialdemokrat und jüngster Bruder Lion Feuchtwangers, ebenso über die tschechische Grenze in Sicherheit wie später noch meh­rere verfolgte Jüdinnen und deren Kinder. Der Schriftsteller Oskar Maria Graf, ein Freund der Familie Branz, schätzte Lotte als „eine ungemein mutige illegale Grenzgängerin.“ Ab 1935 begann die systematische Zusammenarbeit des Paares mit Wal­de­mar von Knoeringen, der aus dem Exil in der Tschechoslowakei die illegale Parteiarbeit der südbayerischen SPD organisierte. In München koordinierten Lotte und Gottlieb die Arbeit einer der drei Gruppen des Widerstandskreises „Neu Beginnen“. Von 1935 bis 1937 trafen sich die Branzens immer wieder mit von Knoeringen in der Tschecho­slowakei und in Öster­reich zum Informations- und Materialaustausch.

Als Gottlieb 1937 wegen des Verdachts auf „illegalen Gren­z­übertritt“ verhört wurde, musste das Ehepaar Branz seine Untergrundaktivitäten einschränken. Aber am 3. Januar 1939 wurde Gottlieb Branz erneut festgenommen, weil er von einem Spitzel denunziert worden war. Wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ und Verbreitung „illegaler Schriften“ angeklagt, saß er vom 3. Januar bis 16. Oktober 1939 in Untersuchungshaft im Polizeigefängnis an der Corneliusstraße und im Gefängnis Neudeck in der Au. Obwohl die vom Oberlandesgericht München am 7. September 1939 verhängte Strafe von sieben Monaten Gefängnis durch die Untersuchungshaft abgebüßt war, wurde Branz als „politisch Rückfälliger“ nicht frei gelassen. Am 17. Oktober 1939 wurde er in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar deportiert, wo er in den folgenden fünfeinhalb Jahren Zwangsarbeit verrichtete. Aufgrund seiner beruflichen Kenntnisse als Bibliothekar wurde ihm dort auch die Betreuung der Häftlingsbibliothek des Lagers übertragen.

Nach der Verhaftung ihres Mannes hatte Lotte Branz ihre Tätigkeit im Widerstand beendet. Da inzwischen der 2. Weltkrieg begonnen hatte, musste sie, den ständigen Schikanen der Nazis ausge­setzt, ihren Sohn Julian alleine durch die Kriegszeiten bringen. Trotz ihrer extremen Notlage lehnte sie es ab, in einer Munitionsfabrik zu arbeiten. Schließlich kam sie in einer Gärtnereigenossenschaft unter und konnte damit sich und ihrem Sohn bis Kriegsende das Überleben sichern. Nach der Zerstörung des Wohnblocks in der Aignerstraße durch Fliegerbomben am 25. April 1944 kam Lotte zusammen mit Julian zunächst bei der befreundeten Familie Rick in der Harlachinger Rotdornstraße 12 unter. Nach der Rückkehr Gottliebs nach München zog das Ehepaar nach Neuharlaching in die Vollmarstraße 12. Hier wohnten Lotte und Gottlieb bis 1954, ehe sie an den Mariahilf-Platz 25 umzogen.

 

Nach seiner Befreiung aus dem KZ durch die US-Armee am 11. April 1945 war Branz einer der Autoren und Mitunterzeichner des berühmten „Bu­chenwalder Manifestes der demokratischen Sozialisten des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald“, in dem es u. a. heißt:
„Die bürgerlichen Freiheiten der Person, des Glaubens, des Denkens, der Rede und Schrift, der Freizügigkeiten, des Koalitionsrechtes, sind sofort wiederherzustellen. […] Wir bekennen uns vor der Welt aus tiefster, ehrlichster Überzeugung zu der schuldrechtlichen Verpflichtung der Wiedergutmachung, der Schäden, die das deutsche Volk durch den Hitlerismus angerichtet hat. […] Die deutsche Jugend wird verstehen, daß es vernünftiger ist, für den Frieden Opfer zu bringen, als im Kriege bei noch größeren, sinnlosen Opfern das Leben zu verlieren. Wir wollen nie wieder Krieg. Wir werden alles tun, um einen neuen Krieg unmöglich zu machen. […] Dazu brauchen wir einen neuen Geist. Er soll verkörpert werden durch den neuen Typ des deutschen Europäers.

Sofort nach seiner Rückkehr am 28. Mai 1945 zu seiner Familie nach München begann Gottlieb Branz diese Grundsätze in politisches Handeln umzusetzen. Zusammen mit Tho­mas Wimmer organisierte er die Wiedergründung der Münchner SPD und wurde deren stellvertretender Vorsitzender. Am 16. August 1945 folgte er dem Ruf Thomas Wimmers in den ersten Münchner Stadtrat, dem er dann bis 1956 angehörte, von 1948 an als Vorsitzender der SPD-Fraktion. Am 10. Januar 1946 wurde Branz zum Vizepräsidenten des Bayerischen Roten Kreuzes gewählt und von 1950 bis 1961 sorgte er als Direktor der Münchner Stadtbüchereien für deren erfolgreichen Auf- und Ausbau.

Bis zu seinem Tod bemühte sich Gottlieb Branz intensiv um die Rückkehr der von den Nationalsozialisten ins Exil getriebenen Persön­lichkeiten aus Kunst und Kultur, Wissenschaft und Lehre, Wirtschaft und Politik. Für seine wertvollen Leistungen beim Wiederaufbau Münchens und des demokrati­schen Bayerns wurde Gottlieb Branz 1955 mit dem Bundesverdienstkreuz und 1961 mit Münchens goldener Bürger­me­daille geehrt. Am 26. September 1972 ist Gottlieb Branz in München verstorben.

Lotte Branz wurde nach dem Krieg vor allem bei den sozialdemokratischen Frauen aktiv. Als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) setzte sie sich für die Gleichberechtigung der Frauen ein. Sie war Mitgründerin der Georg-von-Vollmar-Akademie in Kochel und bis 1968 deren stellvertretende Vorsitzende. Lotte ist am 16. Juli 1987 verstorben und seit 13. Juni 1996 erinnert ein Straßenname in Schwabing-Freimann an Lotte Branz‘ mutigen Einsatz und ihre Verdienste. Dagegen findet man in der Stadt München keinen öffentlichen Hinweis auf den ehren­werten, zeit seines Lebens bescheidenen Gottlieb Branz und seine vielfältigen Verdienste, sogar sein Grab im Ostfriedhof wurde inzwischen eingeebnet.

Lotte und ihr Ehemann Gottfried Branz prägten in der Nachkriegszeit nicht nur das Gesicht der Münchner SPD, sondern zeugen noch heute vor allem dafür, dass München nicht ausschließlich die „Hauptstadt der Bewegung“ war, sondern auch Menschen beherbergte, die bereit waren, Gesundheit und Leben einzusetzen, um der unmenschlichen Barbarei der Nazis Einhalt zu gebieten. Gottlieb Branz hat mit seinem Verhalten die Ehre seiner Heimatstadt München in ihrer dunkelsten Zeit hochgehalten und sich nach der Befreiung von der NS-Diktatur um Giesing, um München, um Bayern und um die Demokratie in Deutsch­land so verdient gemacht wie nur ganz wenige andere.

Wenn „Straßennamen das Gedächtnis der Stadt“ sind, sollte auch der Name eines Mannes wie Gottlieb Branz darin für alle sichtbar verankert sein.
Darum hat Herbert Dandl vom Verein „Freunde Giesings“ bei der Stadt München beantragt, den kleinen Platz in Obergiesing vor der ehemaligen Wohnung der Familie Branz im Block des Bauvereins Giesing, der eng verbunden ist mit den positiven wie mit den schrecklichen Aspekten seines Lebens, nach ihm zu benennen: